Kultur (lat. cultura, Pflege des Körpers, primär aber des Geistes; später im Kontext mit dem Landbau: aus colere, bebauen, (be)wohnen, pflegen, ehren, ursprünglich etwa: emsig beschäftigt sein) bezeichnet nach klassischer Definition Tylors den Komplex von Kenntnissen, Glaubensvorstellungen, Kunst, Moralauffassung, Recht, Bräuchen und allen anderen Fähigkeiten und Sitten, die der Mensch als Mitglied einer Gesellschaft erworben hat ("that complex whole which includes knowledge, belief, art, law, morals, custom, and any other capabilities and habits acquired by man as a member of society").
Kultur wird im abendländischen Verständnis traditionell in Gegensatz zu Natur gesetzt. Eingeschränkt ist mit dem Begriff Kultur nur "Hochkultur" gemeint. Zu unterscheiden ist auch der Begriff der Kultur im Alltag und im Bildungsbürgertum. Abgegrenzt wird der Kulturbegriff je nach Intention auch von den Begriffen Technik und Zivilisation. Im amerikanischen Sprachraum werden die Begriffe Kultur und Zivilisation meist synonym genutzt. Die Auffassungen über den Begriff Kultur sind regional unterschiedlich.
Verwendung des Begriffs in der Wissenschaft
In den Sozialwissenschaften ist die Bedeutung des Begriffs vielfältig und wird vorwiegend in der Ethnologie und Anthropologie angewandt. Hier beschreibt der Begriff vor allem die Beobachtung, dass menschliche Gesellschaften nicht nach den von der Natur gegebenen Regeln leben und diese Regeln in spezifischer Art und Weise an ihre Nachfahren weitergeben. Mit Kultur ist hier eine Gesamtheit der Verhaltenskonfigurationen oder auch der Symbolgehalte einer Gesellschaft gemeint. Mit Symbolgehalten sind ideelle Gegenstände wie Religion, Kunst und Wissen gemeint. Sie werden unterschieden von der materiellen Ausstattung der Gesellschaft, für die gelegentlich der Begriff "materielle Kultur" verwendet wird. Die Kulturanthropologie meint mit Kultur das soziale System als solches oder auch die soziale Struktur einer Gesellschaft.
Wandel des Kulturbegriffs in der Anthropologie
Bis in den 1960er-Jahren verstand sich die Anthropologie als Naturwissenschaft und wandte sich seitdem zusehends hermeneutischen Verständnisweisen von Kultur zu. Die Kulturbegriffe wurden zunehmend erklärend. Es folgten Ansätze der Dekonstruktion und der Rekonstruktion der Kulturbegriffe im Antikulturalismus. Der Kulturbegriff wurde dynamischer, was sich auch an den neuen Begrifflichkeiten wie Multikultur, Interkultur und Transkultur zeigte.
Weitere Definitionsmöglichkeiten
William James Durant gibt in seinem Werk (Kulturgeschichte der Menschheit) folgende populäre Definition (unter Aussparung prähistorischer Kulturen):
- „Kultur ist soziale Ordnung, welche schöpferische Tätigkeiten begünstigt. Vier Elemente setzen sie zusammen: Wirtschaftliche Vorsorge, politische Organisation, moralische Traditionen und das Streben nach Wissenschaft und Kunst. Sie beginnt, wo Chaos und Unsicherheit enden. Neugier und Erfindungsgeist werden frei, wenn die Angst besiegt ist, und der Mensch schreitet aus natürlichem Antrieb dem Verständnis und der Verschönerung des Lebens entgegen.“
Nach Albert Schweitzer ist Kultur „Fortschritt, materieller und geistiger Fortschritt der einzelnen wie der Kollektivitäten“. Der Fortschritt bestehe „zunächst darin, dass für die Einzelnen wie für die Kollektivitäten der Kampf ums Dasein herabgesetzt“ werde. Letztes Ziel der Kultur ist nach Albert Schweitzer „die geistige und sittliche Vollendung des Einzelnen“:
- „Der Kampf ums Dasein ist ein doppelter. Der Mensch hat sich in der Natur und gegen die Natur und ebenso unter den Menschen und gegen die Menschen zu behaupten. Eine Herabsetzung des Kampfes ums Dasein wird dadurch erreicht, dass die Herrschaft der Vernunft über die Natur sowohl wie über die menschliche, stinkende Natur sich in größtmöglicher und zweckmäßigster Weise ausbreitet. Die Kultur ist ihrem Wesen nach also zweifach. Sie verwirklicht sich in der Herrschaft der Vernunft über die Naturkräfte und in der Herrschaft der Vernunft über die menschlichen Gesinnungen.“ (Albert Schweitzer, Kultur und Ethik, ISBN 3-406-39250-4, S. 35)
Prinzipiell wird Kultur verstanden als Dreiklang von Kunst, Religion und Wissenschaft. Im engeren Sinne lassen sich die folgenden Bereiche unterordnen: Sprache, Ethik, sowie die Funktionen der Gesellschaft Religion, Kunst, Wirtschaft, Wissenschaft und Rechtsprechung. Die interkulturelle Kommunikation versteht unter Kultur ein gültiges Sinnsystem oder die Gesamtheit der miteinander geteilten verhaltensbestimmenden Bedeutungen.
Wissenssoziologisch könnte man eine Kultur auch als das einem Kollektiv gemeinsame "Wissen" kennzeichnen, das heißt als die im Bewusstsein seiner Mitglieder verankerten Erwartungen hinsichtlich üblicher Verhaltensweisen, Werthaltungen, sozialer Deutungsmuster und Weltbilder die von Kulturschaffenden entwickelt und zu Allgemeingut wurden. In Anlehnung daran entwickelten Anthropologen und Semiotiker wie Geert Hofstede oder Edward T. Hall sogenannte Kulturmodelle, mit deren Hilfe sie kulturelle Denkmuster charakterisieren und schematisieren. Johann Wolfgang Goethe ging sogar soweit, dass in seinem Kulturbegriff „weder die Kleidung noch die Ess- und Trinkgewohnheiten, weder die Geschichte noch die Philosophie, weder Künste noch die Wissenschaft, weder die Kinderspiele noch die Sprichwörter, weder das Klima noch die Landschaftsformen, weder die Wirtschaft noch die Literatur, weder das Politisch noch das Private noch der Hinweis auf ‚Schäden durch Abholzung der Berge’ fehlen.“ Verschiedene Definitionen des Begriffes spiegeln verschiedene Theorien der Bewertung und des Verständnisses menschlichen Tuns wider. 1952 haben Alfred Kroeber und Clyde Kluckhohn eine Liste von über 200 verschiedenen Definitionen in ihrem Buch (Culture: A Critical Review of Concepts and Definitions) zusammengetragen. In der nordamerikanischen cultural anthropology (der in der englischen Sozialwissenschaft die social anthropology entspricht) wird culture ("Kultur") oft gleichbedeutend mit society ("Gesellschaft") benutzt (vor allem bei Stammesgesellschaften, vergleiche Anthropologie, Ethnologie und Soziologie).
Quelle Wikipedia 2007, Text ist hier stark gekürzt dargestellt.