In der Genealogie der Moral und an anderen Stellen finden sich dabei Gedanken zum Judentum, die durchaus in Einklang mit Ideen des modernen Antisemitismus zu bringen sind. Teile von Kapitel 7 und 8 der ersten Abhandlung der Genealogie der Moral ähneln in Inhalt und Sprache typischen antisemitischen Motiven: So erscheinen die Juden als Volk des „Hasses“ und der „Rache“; es wird ein Gegensatz zwischen „den Juden“ und allen anderen konstruiert; und ihnen wird – wenn auch spekulativ – eine „geheime schwarze Kunst“ zugeschrieben, so dass sie mit „vorausrechnende[r] Rache“ und „Raffinement“ über die Welt und insbesondere die „Vornehmen“ triumphieren konnten. Es ist nicht schwierig, solche Bemerkungen im Rahmen einer Lehre von der jüdischen Weltverschwörung oder der zersetzenden Tätigkeit des Judentums zu lesen. Aber Nietzsche distanzierte sich an anderen Stellen eindeutig von antijüdischen oder antisemitischen Haltungen, ja er legte ihnen ganz ähnliche Attribute wie zuvor „den Juden“ zu. Auch findet sich in Nietzsches Schriften eine Vielzahl von Polemiken gegen die Antisemiten als politische Bewegung in Nietzsches Zeit, welche oft in Zusammenhang mit seinen Polemiken gegen alles „Deutsche“ sowie Richard Wagner und die Wagnerianer stehen. Nietzsche selbst erkannte die Ähnlichkeit der von ihm für Juden einerseits und Antisemiten andererseits verwandten Beschreibungen, und schließlich wog er sie zu Ungunsten der Antisemiten ab. Man wird schließlich mit einiger Wahrscheinlichkeit annehmen können, dass Nietzsche zu diesem Thema im selben Geiste verfuhr wie letztlich mit allen anderen Themen: Wo Positionen Dritter zu sehr auf Täuschung, Schwäche oder Unkenntnis beruhten, wurden sie bloßgestellt.
Es bleibt anzumerken, dass Nietzsche einige Klischees über Juden, etwa die vom „jüdischen Geist“ und „Geld“, sein Leben lang in Schriften benutzt hat. Ähnliche Klischees benutzte er freilich auch in Beiträgen über die „oberflächlichen“ Engländer, den französischen „Geschmack“ oder die deutsche Freude am „Widerspruch“, nationaler Politik, „Wolken“ und Bier. Wie weit er selbst daran glaubte, ist fragwürdig. Im Blick auf seine Beiträge unter anderem zu den Juden schrieb er: „Möge man mir verzeihn, dass auch ich [...] nicht völlig von der Krankheit [u. a. der „antijüdischen“] verschont blieb.“ und gab zu: „[A]uch wir haben Stunden, wo wir uns eine herzhafte Vaterländerei, einen Plumps und Rückfall in alte Lieben und Engen gestatten [...], Stunden nationaler Wallungen [und] patriotischer Beklemmungen“, aber mit der Absicht „solche atavistischen Anfälle von Vaterländerei und Schollenkleberei zu überwinden und wieder zur Vernunft [...] zurückzukehren.“ Nietzsche glaubte weniger an Unterschiede zwischen den Völkern als an unterschiedlich wertvolle Individuen innerhalb jedes Volkes. Dennoch stellt sich die Frage, warum er die genannten Klischees immer wieder benutzte. Seine mit der Zeit zunehmende Ablehnung alles Deutschen und das ihn zeitlebens verfolgende Gefühl, in Deutschland ein Außenseiter zu sein, gründete sich zum Teil auch auf die familiäre Überlieferung, von einem polnischen Adelsgeschlecht Niëtzky (poln. Nicki oder Niecki) abzustammen, was er beispielsweise in seiner Physiognomie bestätigt sah. Eine polnische Abstammung der Familie gilt allerdings aus Sicht der heutigen genealogischen Forschung als sehr unwahrscheinlich, insbesondere ist kein polnisches Adelsgeschlecht dieses Namens nachweisbar.
Der deutsche Nationalsozialismus und der italienische Faschismus bezogen sich selektiv auf Bruchstücke aus Nietzsches Werk. Besonders Benito Mussolini war von Nietzsche begeistert und wurde in seiner Lesart aus dem Nietzsche-Archiv bestärkt. Die Rezeption im Nationalsozialismus ist in erster Linie auf die schon erwähnten Manipulationen von Nietzsches Schwester und dem Nietzsche-Archiv zurückzuführen. Während der Zeit des Nationalsozialismus (und nach dem Tod der Förster-Nietzsche 1935) betrieb Alfred Baeumler die Vereinnahmung Nietzsches für das „Dritte Reich“ energisch weiter. Wer mochte, konnte sich bei den provozierenden Schlagworten Nietzsches wie denen vom „Übermenschen“, dem „Willen zur Macht“, der „Herrenmoral“, und nicht zuletzt von der „blonden Bestie“ bedienen, um daraus Rechtfertigungen für seine eigenen Ideen zu finden. Ob Nietzsche dafür verantwortlich gemacht werden kann, ist allerdings fragwürdig. Zweifelsfrei war Nietzsche aufgrund seiner elitären Gesinnung anti-demokratisch, und er hielt auch wenig von weiblicher Emanzipation. Nietzsche glorifizierte Stärke und Krieg. Dass dies von ihm allerdings überwiegend geistig-metaphorisch gemeint war, wurde im Dritten Reich geflissentlich ignoriert, ebenso wie seine vor allem im Spätwerk immer wieder auftretende heftige Ablehnung von Antisemitismus und Nationalismus.
Nach 1945
Nach 1945 galt Nietzsche wegen der Verwendung seiner Theoreme im Nationalsozialismus als Nazi-Philosoph. Dazu trug auch ein zweibändiges Werk Martin Heideggers bei, der selbst wegen seines Engagements für den NS-Staat belastet war. In den Staaten des Ostblocks wurde Nietzsche fast überhaupt nicht rezipiert; Georg Lukács reihte ihn in die „irrationalistische“ bürgerliche Philosophie Deutschlands ein, die Faschismus und Nationalsozialismus den Weg bereitet habe. Im Westen wuchs besonders in Frankreich, dann auch in Italien und anderen Ländern neues Interesse an Nietzsches Philosophie. Der zu der Zeit einflussreiche Existenzialismus um Jean-Paul Sartre und Albert Camus zog offen wichtige Anregungen aus seinem Denken. Im englischen Sprachraum popularisierte Walter Kaufmann Nietzsches Werk; in Deutschland wurde er weiterhin zurückhaltend aufgenommen. 1954 wurde im Rahmen einer dreibändigen Ausgabe von Karl Schlechta zum ersten Mal die verfälschende Tätigkeit des Nietzsche-Archivs einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Schlechta beanspruchte für sich, als erster Werk und Teile des Nachlasses nach anerkannten literaturwissenschaftlichen Methoden herauszugeben. Allerdings wurde auch seine Ausgabe als mangelhaft kritisiert, beispielsweise vom schon genannten Erich Podach.
Der italienische Philosoph Giorgio Colli und sein Schüler, der Germanist Mazzino Montinari, entschlossen sich nach Durchsicht sämtlicher Materialien 1962, statt einer geplanten italienischen Übersetzung eine vollständig neue Kritische Gesamtausgabe (KGW) herauszugeben. Seit 1967 erscheint diese auch auf deutsch. 1972 wurden zudem die jährlich erscheinenden Nietzsche-Studien gegründet. Der Basler Professor Curt Paul Janz gab 1975 zum ersten Mal den musikalischen Nachlass heraus und veröffentlichte 1979 eine dreibändige Biographie, die viele Materialien zum Leben Nietzsches erstmals publizierte. Colli, Montinari und ihre Nachfolger begannen zudem mit der kritischen Ausgabe der Briefe (KGB). In die 1970er fällt auch eine Welle der Nietzsche-Interpretationen in der neueren französischen Philosophie. Nietzsche diente dem Poststrukturalismus und der Dekonstruktion als Inspirationsquelle. Intellektuelle wie Michel Foucault, Gilles Deleuze, Jacques Derrida und Felix Guattari nahmen sein Werk auf und interpretierten es neu.
Seit 1980
Mit dem Erscheinen der 15-bändigen Kritische Studienausgabe (KSA) im Jahr 1980, die textidentisch mit der KGW sämtliche philosophische Werke und Nachlass ab 1869 umfasst, liegt zum ersten Mal eine vollständige unverfälschte Ausgabe der Schriften Nietzsches vor. Die KSA gilt heute als Standardausgabe; Jugendschriften, Philologica und ein erweiterter Apparat sind in der KGW zu finden. Mit den heutigen technischen Möglichkeiten gibt es auch digitalisierte Ausgaben von Werk, Briefen und Nachlass (siehe auch: Weblinks). Die seither erfolgte Nietzsche-Forschung versucht durch eine genaue Texterschließung zu einer nüchternen Rezeption Nietzsches zu kommen. Die früheren, oft sehr unterschiedlichen und widersprüchlichen Nietzsche-Interpretationen bei den genannten Personen werden als zweifelhaft abgelehnt. Besondere Beachtung findet seitdem Nietzsches Vorwegnahme von sprach- und philosophiekritischen Ansätzen des 20. Jahrhunderts, seine Kritik am Wahrheitsbegriff und sein Perspektivismus. In jüngster Zeit ist seine Christentums- und Religionskritik wieder stärker herausgestellt worden, auch eine vorsichtige Rezeption von Nietzsches Moralkritik (Immoralismus) findet statt.
Nietzsche wird auch immer wieder als Vorläufer der Postmoderne, in der die neue Anwendung vorhandener Ideen eine wichtige Rolle spielt sowie Medien und Technik als Träger und Vermittler von Kultur an Bedeutung gewinnen, genannt. In diesem Zusammenhang lässt sich ein von Nietzsche stammendes Zitat auch in Bezug auf die Wikipedia deuten: Besser schreiben aber heißt zugleich auch besser denken; immer Mitteilenswerteres erfinden und es wirklich mitteilen können; übersetzbar werden für die Sprachen der Nachbarn; zugänglich sich dem Verständnisse jener Ausländer machen, welche unsere Sprache lernen; dahin wirken, dass alles Gute Gemeingut werde und den Freien alles frei stehe. (Der Wanderer und sein Schatten, Aph. 87) Mit solchen Ansätzen der Postmoderne einhergehend finden sich teilweise entstellte und verkürzte Aspekte aus Nietzsches Werk in der populären Kultur. Aus der Nietzsche-Forschung gibt es allerdings auch Kritik an dieser als „Verharmlosung“ empfundenen Deutung Nietzsches.
Eines der wichtigsten Objekte von Nietzsches Kritik spätestens seit Menschliches, Allzumenschliches ist die Moral im Allgemeinen und die christliche Moral im Besonderen. Nietzsche wirft der bisherigen Philosophie und Wissenschaft vor, herrschende Moralvorstellungen unkritisch übernommen zu haben; wahrhaftig freies und aufgeklärtes Denken habe sich dagegen, wie der Titel eines Buchs sagt, Jenseits von Gut und Böse zu stellen. Er selbst führt diese Kritik mit Methoden der Geschichts-, Kultur- und Sprachwissenschaft exzessiv aus und legt dabei ein besonderes Augenmerk auf die Herkunft und Entstehung moralischer Denkweisen, etwa in Zur Genealogie der Moral. Wichtige Begriffe seiner Moralkritik sind:
Herren- und Sklavenmoral: Herrenmoral sei die Haltung der Herrschenden, die zu sich selbst und ihrem Leben Ja sagen könnten, während sie die anderen als „schlecht“ (Wortstamm: „schlicht“) abschätzten. Sklavenmoral sei die Haltung der „Elenden, Armen, Ohnmächtigen, Niedrigen, Leidenden, Entbehrenden, Kranken, Hässlichen“ (Genealogie I Kapitel 7), die sich nur deswegen für „gut“ hielten, weil sie ihr Gegenüber – die Herrschenden, Glücklichen, Ja-Sagenden – als „böse“ bewerteten. Es sei vor allem die Moral des Christentums gewesen, die eine solche Sklavenmoral zum Teil selbst hervorgerufen, in jedem Fall aber begünstigt und sie dadurch zur herrschenden Moral gemacht habe.
Ressentiment: Dies sei das Grundempfinden der Sklavenmoral. Aus Missgunst, Neid und Schwäche (vor allem angesichts der Realität und des Lebens selbst) schüfen sich die „Missratenen“ eine imaginäre Welt (zum Beispiel das christliche Jenseits), in der sie selbst die Herrschenden sein könnten und ihren Hass auf die „Vornehmen“ auslebten.
Mitleid und Mitfreude: Während der Pessimist Schopenhauer Mitleid ins Zentrum seiner Ethik gestellt hat, um seine Philosophie der Verneinung des Lebens umzusetzen, drehte Nietzsche die These vom Mitleiden nach seinem Bruch mit der Schopenhauerschen Philosophie um: Weil das Leben zu bejahen sei, gelte das Mitleid – als Mittel zur Verneinung – als Gefahr. Es vermehre das Leiden in der Welt und stehe dem schöpferischen Willen, der immer auch vernichten müsse, entgegen. Mitfreude oder eine generelle Lebensbejahung (amor fati) seien die höheren und wichtigeren Werte.
Die Gedankengänge werden von Nietzsche zu einer immer radikaleren Kritik am Christentum gebündelt: diese Religion sei nicht nur nihilistisch wie etwa der Buddhismus, sondern im Gegensatz zu diesem auch aus Ressentiments geboren. Das Christentum habe jede höhere Art Mensch und jede höhere Kultur und Wissenschaft behindert. In den späteren Schriften steigert Nietzsche die Kritik an allen bestehenden Normen und Werten: Sowohl in der bürgerlichen Moral als auch im Sozialismus und Anarchismus sieht er die Nachwirkungen der christlichen Lehren am Werk. Die ganze Moderne leide an décadence. Dagegen sei nun eine „Umwertung aller Werte“ nötig. Wie genau allerdings die neuen Werte ausgesehen hätten, wird aus Nietzsches Werk nicht eindeutig klar. Diese Frage und ihr Zusammenhang mit den Aspekten des Dionysischen, des Willen zur Macht, des Übermenschen und der Ewigen Wiederkunft (siehe unten) wird bis heute diskutiert.