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In geistiger Umnachtung

In geistiger Umnachtung (1889–1900)

Der durch die Wahnzettel an Burckhardt und ihn selbst alarmierte Overbeck brachte Nietzsche zunächst in eine Irrenanstalt in Basel. Von dort wurde der inzwischen geistig vollständig Umnachtete von seiner Mutter in die Psychiatrische Universitätsklinik in Jena unter Leitung Otto Binswangers gebracht. Ein Heilungsversuch Julius Langbehns, der von sich aus Kontakt zur Mutter aufgenommen hatte, scheiterte. 1890 durfte die Mutter ihn schließlich bei sich in Naumburg aufnehmen. Über das weitere Verfahren mit den teilweise noch ungedruckten Werken berieten zunächst Overbeck und Köselitz. Letzterer begann eine erste Gesamtausgabe. Gleichzeitig begann eine erste Welle der Nietzsche-Rezeption. Die Schwester, nach dem Selbstmord ihres Manns inzwischen verwitwet, kehrte 1893 aus Paraguay zurück, ließ bald die Köselitzsche Ausgabe einstampfen und übernahm Stück für Stück sämtliche Kontrolle über Nietzsche und die Herausgabe seiner Werke. Die hochbetagte Mutter konnte dem kaum mehr Widerstand entgegensetzen, Overbeck wurde ausgebootet, Köselitz schließlich eingespannt. Nietzsche selbst bekam von alldem ohnehin nichts mit. Nach dem Tod der Mutter 1897 lebte Nietzsche in der Villa Silberblick in Weimar, wo er von seiner Schwester gepflegt und wie ein Schaustück ausgestellt wurde. Er überstand mehrere Schlaganfälle, bevor er am 25. August 1900 an den Folgen einer Lungenentzündung starb. Auf Wunsch der Schwester wurde er an der Röckener Dorfkirche neben seinem Vater beigesetzt.

Denken und Werk

Nietzsche begann als Philologe, begriff sich selbst aber zunehmend als Philosoph oder als freier Denker (vergleiche Freigeist). Viele seiner Werke enthalten auch psychologische Thesen. Neben seinen philosophischen Betrachtungen veröffentlichte Nietzsche auch Gedichte, in denen seine philosophischen Gedanken bald heiter, bald dunkel und schwermütig ausgedrückt werden. Sie hängen mit den Prosawerken zusammen: Die Idyllen aus Messina (1882) gingen in die zweite Auflage der Fröhlichen Wissenschaft ein, während die Dionysos-Dithyramben (1888/89) teilweise aus Also sprach Zarathustra entsprungen sind. Nietzsche gilt als Meister der aphoristischen Kurzform und des mitreißenden Prosa-Stils. Einige Interpreten halten auch die scheinbar wenig strukturierten Aphorismenbücher für geschickt „komponiert“; die Werke sind oft mit einem Rahmen (Rahmenhandlung, Vor- und Nachwort, Gedichte, „Vorspiel“) versehen. Lange Zeit umstritten war die Frage nach dem philosophischen Rang von Nietzsches Nachlass: Extrempositionen bezogen hier einerseits Karl Schlechta, der im Nachlass nichts fand, was nicht auch in veröffentlichten Werken zu finden sei; und andererseits Martin Heidegger, der Nietzsches veröffentlichtes Werk nur als „Vorhalle“ sah, während sich die „eigentliche Philosophie“ im Nachlass befinde. Inzwischen herrscht eine mittlere Position vor, die den Nachlass als Ergänzung der veröffentlichten Werke begreift und darin ein Mittel sieht, Nietzsches Denkwege und Entwicklungen besser nachzuvollziehen. Vergleiche: Wirkung.

Schwerpunkte

Nietzsches Denken ist vielfach verschieden interpretiert worden. Es enthält Brüche, verschiedene Ebenen und fiktive Standpunkte lyrischer Personen („Ein Fälscher ist, wer Nietzsche interpretiert, indem er Zitate aus ihm benutzt. [...] Im Bergwerk dieses Denkers ist jedes Metall zu finden: Nietzsche hat alles gesagt und das Gegenteil von allem.“, Giorgio Colli). Eine kanonische Wiedergabe ist schwierig. Im Folgenden sollen jedoch einige zentrale Gedanken vorgestellt werden.

Kunst und Wissenschaft
 
„Apollinisch“ und „Dionysisch“ sind die Grundbegriffe, die Nietzsche in die Philosophie der Kunst eingeführt hat. Mit den Namen der griechischen Götter Apollon und Dionysos bezeichnet er in der Geburt der Trägodie zwei gegensätzliche Prinzipien der Ästhetik. Apollinisch ist demnach der Traum, der schöne Schein, das Helle, die Erhabenheit; Dionysisch ist der Rausch, die grausame Enthemmung, das Ausbrechen einer dunklen Urkraft. In der attischen Tragödie ist Nietzsche zufolge die Vereinigung dieser Kräfte gelungen. Das „Ur-Eine“ offenbare sich dem Dichter dabei in der Form von dionysischer Musik und wird mittels apollinischer Träume in Bilder umgesetzt. Auf der Bühne sei die Tragödie durch den Chor geboren, der dem Dionysischen Raum gibt. Als apollinisches Element komme der Dialog im Vordergrund und der tragische Held hinzu. Die griechische Tragödie sei durch Euripides und den Einfluss des Sokratismus zugrunde gegangen. Hierdurch sei vor allem das Dionysische, aber auch das Apollinische aus der Tragödie getrieben worden, sie selbst sei zu einem bloß dramatisierten Epos herabgesunken. Die Kunst habe sich in den Dienst des Wissens und sokratischer Klugheit gestellt und sei zur reinen Nachahmung geworden. Erst im Musikdrama Richard Wagners sei die Vereinigung der gegensätzlichen Prinzipien wieder gelungen. In späteren Schriften rückt Nietzsche von dieser Position ab; insbesondere sieht er in den Werken Wagners jetzt keinen Neuanfang mehr, sondern ein Zeichen des Verfalls. Auch seine grundsätzlichen ästhetischen Betrachtungen variiert er: In den Schriften der „positivistischen“ Periode tritt die Kunst, die „große Verführerin zum Leben“, deutlich hinter die Wissenschaft zurück. Nunmehr gilt das Leben als „Mittel der Erkenntnis“ (Fröhliche Wissenschaft). Erst nach Also sprach Zarathustra greift Nietzsche wieder deutlicher auf seine frühen ästhetischen Ansichten zurück und entwickelt vor allem das Konzept des Dionysischen weiter. In den späten Schriften dient diese Gottheit zur Projektion mehrerer wichtiger Lehren, und Ecce Homo schließt mit dem Ausruf „Dionysos gegen den Gekreuzigten!“

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 (Quelle: Wikipedia)

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